Das erste Loslassen

Nichts ist so heiß um­strit­ten, wie das Thema Stillen. Klar sind sich al­le ei­ni­ge, Stillen ist das bes­te für das Neugeborene. In Frankreich z. B. wird nur ganz kurz ge­stillt und das Stillen in der Öffentlichkeit ge­hört sich nicht. In Afrika stil­len die Frauen ihr Kinder so­lan­ge bis das nächs­te Kind kommt und das äl­te­re Kind wird ein­fach von jetzt auf gleich ab­ge­stillt und das Neugeborene be­kommt die Milch des äl­te­ren Geschwisterchens. In Deutschland ge­hen die Meinungen so wei­test­ge­hend da­hin, dass man stil­len soll­te aber al­les was über drei bzw. mitt­ler­wei­le 6 Monate hin­aus geht, ge­hört schon zu den gro­ßen Ausnahmen. Hier ist mei­ne Still Geschichte.

Wie so ziem­lich bei al­lem war auch hier al­ler Anfang sehr schwer. Nach dem ers­ten Anlegen in dem Kreißsaal, lief mein Baby blau an und muss­te auf die Intensivstation ver­legt wer­den, was schon mal ein klei­nes, aber den­noch be­deu­ten­des Trauma bei mir ver­ur­sach­te. Warum sie blau an­ge­lau­fen war, ha­ben wir bis heu­te nicht raus­ge­fun­den, aber das ist ei­ne an­de­re Geschichte. Das zwei­te Anlegen war auf der Kinderintensivstation, kein Hebamme oder Stillberaterin vor Ort nur ich, mein Baby und ein leicht ge­nerv­te Schwester. Also auch ei­ne Vollkatastrophe. Das drit­te Anlegen wie­der in der Geburtsklinik, Anwesende ei­ne sehr net­te Stationsschwester, mein Mann, mei­ne Mutter die hek­tisch hin und her lief und mit im Sekundentakt sag­te, was ich al­les da­bei falsch ma­che. Und ei­nen Milcheinschuss hat­te ich na­tür­lich auch nicht. Aber mein Baby er­wies sich als ziem­lich hung­rig und saug­te an mir was das Zeug hält. In der ers­ten ge­mein­sa­men Nacht brüll­te sie los, so­bald ich ver­sucht ha­be sie von der Brust ab­zu­do­cken. Somit hat­te ich die Möglichkeit, die gan­ze Nacht das Anlegen zu üben, was ab­so­lut hilf­reich war, so lang­sam klapp­te es auch, ob­wohl im­mer noch kein Milcheinschuss da war. So lang­sam ge­wann ich an Selbstsicherheit und es fing so­gar schon fast Spaß zu ma­chen, bis mei­ne Hebamme mich das ers­te Mal zu Hause be­such­te, und mir ganz klar zu ver­ste­hen gab, dass ich wirk­lich da­bei al­les falsch ma­che. Was gibt es bes­se­res, als ei­ner Neumama so­was zu sa­gen, ver­mut­lich nichts, au­ßer dass ihr Baby au­ßer­dem pott­häss­lich ist. Ich war ein Nervenbündel und saß schon, wie mein Baby ver­hun­gern muss, weil die ei­ge­ne Mutter ein­fach nicht mal das na­tür­lichs­te der Welt hin­be­kommt. Während ich so an mir und an der gan­zen Evolution zwei­fel­te und mein Baby wei­ter be­harr­lich an mir nu­ckelt, kam der Milcheinschuss. Ich merk­te es dar­an, dass mei­ne Brüste auf das dop­pel­te an­schwoll, und wie die Augen von ei­nem Kamelion, wind­schief von­ein­an­der ab­stan­den. Mein Baby war ver­mut­lich von dem Anblick so ir­ri­tiert, dass sie von jetzt auf gleich die Brust ver­wei­gert und wie am Spieß schrie. Und wie für ei­ne über­ner­vö­se Neumamis ge­hört, was macht man da als Erstes? Die Hebamme an­ru­fen? Nein, im Internet gu­cken. Es stan­den al­le mög­li­chen aben­teu­er­li­che Sachen drin, das, was mir am ehes­ten in Gedächtnis ge­blie­ben ist, war, das Baby ver­wei­gert die Brust, weil es zu viel Milch ist, und hier kann man lei­der nichts tun!!! Und so mit war mir klar, Ende aus Micky Maus. Ich ha­be auf je­der Linie ver­sagt. Das Kind be­kam in der Nacht die Flasche und ich wein­te mich in den Schlaf. Am nächs­ten Tag kam zum Glück die Hebamme, die mir kei­ne 24 Stunden vor­her noch so ver­hasst war, war jetzt mein ret­ten­der Engel. Sie zeig­te mir, wie ich mit ei­ne Stillhüttchen, das Baby an­le­gen kann und sie dann auch trinkt. Zeigte mir, wie man zur Not die Milch aus­strei­chen kann und sag­te, wir sol­len dem Baby erst­mal nichts an­de­res zu nu­ckeln ge­ben, da­mit sie ihr Nuckelverhalten nicht ver­än­dert. Und ab da lief es je­den Tag et­was bes­ser. Die Nächte wa­ren na­tür­lich ein Graus, ich er­in­ne­re mich zu ger­ne dar­an, wie ich stun­den lang da saß und völ­lig ver­zwei­felt nur noch mur­mel­te “Ich kann nicht mehr” und mein Mann vor­ge­schla­gen hat, der Kleinen die Flasche zu ge­ben, aber das kam nicht in­fra­ge. Wochen ver­gin­gen und mein Baby und ich groof­ten uns auf­ein­an­der ein. Das Stillen war ei­ne su­per prak­ti­sche Sache und so lang­sam fing es auch Spaß zu ma­chen.

So ver­gin­gen 5 Monate, in de­nen wir ein Lottaleben ge­führt ha­ben, nur mein Baby und ich, es gab nur uns zwei ge­gen den Rest der Welt. Und nach 5 Monaten ging die Arbeit wie­der los, auch noch Vollzeit. Alle ha­ben ge­sagt, du musst ab­stil­len, das wirst du nie­mals durch­zie­hen. Und was soll ich sa­gen, ich ha­be es durch­ge­zo­gen. Es war sau­an­stren­gend aber ge­mein­sam mit mei­nem wun­der­vol­len Mann, der mir je­den Nachmittag das Kindchen auf die Arbeit zum stil­len vor­bei­ge­bracht hat und mei­nem Bilderbuchbaby, dem es nichts aus­macht, ha­ben wir es pri­ma ge­schafft. Und ob­wohl es so an­stren­gend war, war es ei­ne groß­ar­ti­ge Zeit. So konn­te ich mein Baby bis zum 7. Monat voll stil­len. Und dann kam die U5 und un­ser Kinderarzt hat mir na­he ge­legt mit der Beikost an­zu­fan­gen. Irgendwann hat es mit der Beikost auch ge­klappt, nur wur­de das heiß­ge­lieb­te Stillen ir­gend­wann mal für mich zum Problem. Immer wun­de Brustwarzen und die schlaf­lo­sen Nächte wur­den im­mer schwe­rer zu er­tra­gen. Mein Mann sag­te, still ab. Ich sag­te mir selbst, es ist an der Zeit ab­zu­stil­len. Aber ir­gend­wie ha­be ich mich nicht durch­rin­gen kön­nen. Schließlich war doch das im­mer un­ser ge­mein­sa­mes Ding. Irgendwann als Katja an­fing sich im Schlaf zu stark zu be­we­gen, muss­ten wir ein Gitter vor das Zustellbettchen stel­len und so­mit konn­te ich sie nicht mehr Nachts ein­fach aus dem her­aus­neh­men und wie­der her­ein­le­gen. Schon wäh­rend des Urlaubs ha­be an zwei Nächten nicht ge­stillt, son­dern mein Mann hat die Nachtschicht über­nom­men, und gab ihr die Flasche. So lang­sam lös­ten wir uns von­ein­an­der. Sie fand die Flasche nicht mehr schlimm und ich freun­de­te mich auch mit dem Gedanken an. Und so ha­be ich nach knapp 10,5 Monaten ab­ge­stillt. Wie ich es fin­de? Es ist schwie­rig los­zu­las­sen, aber ir­gend­wann wä­re es so­wie­so so weit ge­we­sen. Und das gu­te ist, ich kann jetzt wie­der mei­nen Körper in vol­len Zügen mit Alkohol und un­ge­sun­dem Essen zer­stö­ren.

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