Wie alles begann

Es ist der 11. August 2018, die 39. SSW. Die nicht en­dend wol­len­de Hitze hält jetzt seit Mitte April an und so lang­sam bin ich es leid. Die Hitze, den di­cken Bauch, die­se Unbeweglichkeit. Seit Monaten ha­be ich nicht mehr rich­tig ge­schla­fen. Und vor zwei Tagen beim Frauenarzt krie­ge ich die Nachricht, dass es nicht da­nach aus­sieht, als ob das Kind eher kom­men wür­de. Okay, das heißt für mich al­so wei­ter 2 bis 3 Wochen war­ten.

Und jetzt ist es 11. August 4:30 Uhr und ich wer­de auf ein­mal wach, weil ein Schwall Flüssigkeit aus mir zu ent­fleu­chen droht. Ist es wirk­lich das, was ich ver­mu­te? Wie kann es sein, es sind ge­ra­de mal we­ni­ger als 20 % der Geburten, bei de­nen der Blasensprung vor den ei­gent­li­chen Wehen kommt. Und ich hat­te nicht ein­mal Senkwehen. Nichts hat­te ich bis jetzt. War das über­haupt ein Blasensprung? Anhand der aus mir ent­fleu­chen­den Flüssigkeit kann es ein­fach nichts an­de­res ge­we­sen sein, wo­bei mir al­le bis­her ver­si­chert ha­ben, dass es nicht so dra­ma­tisch ist, wie es in Filmen im­mer dar­ge­stellt wird. Ich horch­te noch­mal in mich hin­ein, kei­ne Wehen, mein Körper gibt sonst kei­ne Anzeichen ei­ner Geburt. Also wisch­te ich den Boden und ging du­schen. Ich konn­te mich noch dar­an er­in­nern, wie ei­ne Kollegin mir sag­te, dass ich auf je­den Fall du­schen soll, weil ich kei­ne Ahnung hät­te, wann ich das nächs­te mal da­zu kom­men wer­de. Nach dem Duschen leg­te ich mich noch­mal hin und war­te­te bis die Wehen ein­set­zen, aber es kam ein­fach nichts. Nach ei­ner hal­ben Stunde weck­te ich Carsten, er­zähl­te ihm, dass ich glaub­te, ge­ra­de ei­nen Blasensprung ge­habt zu ha­ben und nicht so recht si­cher bin, ob wir ins Krankenhaus fah­ren soll­ten. Irgendwas in mir hoff­te im­mer noch auf ei­nen fal­schen Alarm.

Also rief ich schließ­lich im Krankenhaus an, er­zähl­te, was pas­siert war, und sie rie­ten mir zu kom­men, aber ich soll mich nicht zu sehr be­ei­len, da sie ge­ra­de eh or­dent­lich zu tun hät­ten und da ich eh noch kei­ne Wehen hät­te, könn­te es noch was dau­ern. Wir be­stell­ten uns ein Taxi und fuh­ren ins Krankenhaus, was in der Tat kei­ne zwei Kilometer von uns ent­fernt lag. Der Taxifahrer er­zähl­te uns mun­ter, dass es vor ein paar Stunden mit sei­ner Frau auch im Krankenhaus war, weil sie Verdacht auf den Blasensprung hat­te, aber es war al­les nur fal­scher Alarm. Carsten mein­te nur, ja, das wer­de bei uns wahr­schein­lich auch der Fall sein. Und ins­ge­heim hoff­te ich es auch.

Im Krankenhaus an­ge­kom­men, war die Kreißsaal Hebamme et­was über­rascht, mich jetzt schon zu tref­fen, da sie mir ja ge­sagt hät­te, ich muss mich nicht so be­ei­len, was soll ich ma­chen, wenn ich in der Nachbarschaft woh­ne. Ich setz­te mich brav in den CTG Raum und war­te­te, bis ir­gend­was pas­sier­te. In dem Kreißsaal ne­ben an, ging es hef­tig zu, ei­ne Frau be­kam ge­ra­de ihr Baby und es hör­te sich nicht nach ei­ner sanf­ten Geburt an. Mein Wunsch es wä­re al­les nur Fehlalarm wur­de im­mer drin­gen­der. Es ver­ging et­was Zeit und die ar­me Frau kämpf­te im­mer noch mit der Geburt. Ich wur­de in ei­nen an­de­ren Kreißsaal ge­bracht. Da ich nicht wuss­te, wie lan­ge die gan­ze Geschichte noch ge­hen wür­de, schick­te ich Carsten wie­der heim, schließ­lich soll­te ei­ner von uns bei­den fit sein.

Im Kreißsaal be­kam ich ein wei­ßes Pülverchen, was neh­men soll­te, da­mit die Wehen sti­mu­lier­te wer­den. Anschließen wur­de ich auf die Station ge­schickt und ich soll­te mich in zwei Stunden noch­mal im Kreißsaal zum CTG mel­den. Also ging ich brav mit mei­nem Köfferchen auf Station, wo ich in ein Zweibett Zimmer ver­legt wur­de. Ich war ein­fach nur noch mü­de und woll­te schla­fen, aber an schla­fen war nicht zu den­ken. Erst kam die Putzkraft und wech­sel­te das Bett. Dann kam mei­ne Zimmernachbarin rein. Völlig ver­wirrt war wohl mei­ne ers­te Frage an sie „Hast du auch noch dein Baby im Bauch?” Ja, ich bin ei­ne 36-jährige Frau, die sich wie ein 7-jährige aus­drückt. Die Zimmernachbarin hat­te noch ihr Baby im Bauch und es woll­te seit drei Tagen nicht raus. Sie mach­te auf mich ei­nen sehr fit­ten Eindruck, da­für, dass sie seit drei Tagen im Krankenhaus ab­hing und es mit der Geburt nicht so wirk­lich star­ten woll­te. Nach ei­ner Weile kam ei­ne Schwester rein und frag­te mich, ob ich noch das Familienzimmer ha­ben wol­le, wenn ja kann ich es jetzt ha­ben, und müss­te es ab jetzt be­zah­len. Was soll’s, ha­ben oder nicht ha­ben, al­so ha­be ich di­rekt zu­ge­schla­gen, und wur­de di­rekt in das Zimmer ge­schickt.

Also hat­ten wir das Familienzimmer. Es war al­les un­er­war­tet per­fekt. Jetzt konn­te die Geburt los­ge­hen. Aber die Wehen wa­ren im­mer noch viel zu schwach. So lang­sam wa­ren 12 Stunden seit dem Blasensprung ver­gan­gen und mein Baby mach­te nicht die ge­rings­ten Anzeichen, sich ir­gend­wo­hin zu be­we­gen. Um die Wehen zu sti­mu­lie­ren be­kam ich ein we­hen­för­dern­des Mittel. Ich traf in dem CTG Raum im­mer wie­der mei­ne ehe­ma­li­ge Zimmernachbarin und wir plau­der­ten mun­ter und dies und das und hat­ten reich­lich Spaß, man hät­te mei­nen kön­nen wir wä­ren in ei­nem Urlaubshotel und nicht in ei­ner Geburtsklinik. So lach­ten wir aus­ge­las­sen und ei­nen Wehen-Witz von Carsten. Und kei­ne hal­be Stunde spä­ter gin­gen die Wehen rich­tig los. Es war 19 Uhr und die Wehen wur­den im­mer stär­ker. Ich wur­de im­mer noch zwi­schen Station und Kreißsaal hin und her ge­schickt. Ich ver­such­te, die Schmerzen weg­zu­at­men, aber bei man­chen ging es ein­fach nicht. Ab ei­nen be­stimm­ten Zeitpunkt ha­be ich es nicht mehr aus­ge­hal­ten und bat um ein Schmerzmittel. Ich be­kam ir­gend­ein ho­möo­pa­thi­sches Zeug, was nicht die Bohne ge­hol­fen hat. Gegen 10 Uhr ha­ben wir uns hin­ge­legt, wäh­rend Carsten mun­ter vor sich hin säu­sel­te, wur­den die Wehen im­mer hef­ti­ger. Ich wünsch­te nur noch, dass das gan­ze ein­fach auf­hört. Ich war zu al­lem be­reit, selbst ei­nen Kaiserschnitt hät­te ich in Kauf ge­nom­men. Also kroch ich er­neut in den Kreißsaal. Carsten hielt den Tropf mit dem ho­möo­pa­thi­schem Scheiß fest, wäh­rend ich mich vor Schmerz krümm­te und al­le zwei Schritte ste­hen blieb. Der Weg von den viel­leicht 30 Metern bis zum Kreißsaal, kam mir vor wie ein Marathonlauf.

Endlich war der Muttermund so weit ge­öff­net, dass sie mich im Kreißsaal be­hal­ten ha­ben, und ich be­kam noch­mal ein et­was stär­ke­res Schmerzmittel. Das ließ mich et­was weg­dö­sen. In mei­nem Traum ma­te­ria­li­sier­ten sich die Wehen, es gab die K-Wehe, die nicht so schlimm war, und es gab die T-Wehe, die im­mer hef­ti­ger wur­den. Wie klei­ne und gro­ßen Wellen, durch­flu­te­ten sie mei­nen Körper, bis ich auf ein­mal an­fing zu schrei­en. Von mei­nem ei­ge­nen Schrei er­schro­cken wach­te ich plötz­lich auf. Die Hebamme kam rein­ge­lau­fen und das ers­te was ich sag­te “Entschuldigung, ich weiß auch nicht was mit mir los ist”, wor­auf hin die Hebamme mein­te “Ich weiß was los ist, Sie be­kom­men ihr Baby.” Der Muttermund war voll­stän­dig ge­öff­net, die Geburt ging los. Die Hebamme konn­te ge­ra­de noch den Arzt an­ru­fen, dass er recht­zei­tig da war. ich hock­te auf al­len Vieren und schrie, wie ich noch nie in mei­nem Leben ge­schrien ha­be. Und dann ging es al­les ganz schnell, 15 Minuten und vier Presswehen spä­ter, spür­te ich, ei­ne un­heim­li­che Erleichterung und es plumps­te ein­fach aus mir raus. Ich bück­te mich nach un­ten und hob ein klei­nes glit­schi­ges Wesen an, das mich vol­ler Wut an me­cker­te. Mit zit­tern­den Knien guck­te ich et­was fra­gend in die glück­li­chen Gesichter um mich her­um. Ich soll­te mich um­dre­hen und auf das Bett le­gen, aber ich fürch­te­te es nicht zu schaf­fen. “Du hast ge­ra­de ein Kind zu Welt ge­bracht, du wirst dich jetzt wohl auf ein Bett le­gen kön­nen.” Stimmt, es ist der 12.08.2018 2:30 und ich ha­be ge­ra­de ein Kind zu Welt ge­bracht.

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